Das therapeutische Potenzial von Cannabinoiden – wann hilft Hanf?

November 05, 2019

Therapeutin mit Brille und Ehepaar sitzend im Hintergrund

Multiple Sklerose, Krebserkrankungen, HIV – Cannabis-Inhaltsstoffe lindern die Symptome zahlreicher Krankheiten

In der Vergangenheit galt Cannabis in vielen Kulturen als Heilpflanze, bis es zu Beginn des 20. Jahrhundert als Droge stigmatisiert wurde. Aktuell kehrt sich der Trend wieder um: Seit 2017 sind Cannabis und Cannabispräparate in Deutschland offiziell wieder als Medikament verordnungsfähig. Doch wie sieht die wissenschaftliche Basis dafür aus? Können Forscher heutzutage mit fundierten Daten nachweisen, dass die Cannabis-Inhaltsstoffe Krankheitsbilder und -symptome wirksam verbessern können?

Die Methode einer Übersichtsstudie: Datenbankrecherche

Seit 1975 führten Wissenschaftler über 100 klinische Studien mit Cannabis-Inhaltsstoffen (Cannabinoiden) und Cannabis-Extrakten durch. Jede Untersuchung wurde durch eine Teilnehmergruppe, die ein Placebo erhielt, kontrolliert, um den Wirkungsgrad zu relativieren.

Im Jahre 2011 veröffentlichten Franjo Grotenhermen und Kristen Müller-Vahl eine Übersichtsstudie im Deutschen Ärzteblatt, die das therapeutische Potenzial von Cannabinoiden anhand der vorliegenden Daten beurteilt. Dafür recherchierten die Forscher in der medizinischen Datenbank PubMed mit den Suchbegriffen „cannabi*“, „marijuana“, „THC“ und „endocannabinoid“. Darüber hinaus bezogen sie Standardwerke und die Studiendatenbank der International Association for Cannabinoid Medicines mit ein.

Die Ergebnisse: Welche Krankheiten können Cannabis und Cannabinoide lindern?

Die untersuchten Studien bestätigen, dass Cannabis und seine Inhaltsstoffe bei den folgenden Symptomen helfen:

 

1.     Spastik bei Multipler Sklerose

Eines der häufigsten Symptome der Multiplen Sklerose führt zu erhöhter Muskelanspannung bis hin zur Muskelsteifheit. Auch unkontrollierte Muskelkrämpfe treten dabei aus. Diese sogenannte Spastik erzeugt bei den Betroffenen Schmerzen, Schlaflosigkeit und Beeinträchtigungen in der Bewegung und im Sprechen. In einer 2011 publizierten Studie[1] zeigten Forscher, dass ein Cannabisextrakt die Häufigkeit der Spasmen sowie die Beschwerden im Gesamten deutlich verbessern kann. Auch die Schlafqualität der Patienten erhöhte sich signifikant. Von 572 Patienten sprachen 272 innerhalb der 4-wöchigen Studienzeit gut auf die Behandlung an. In der Folge wurde Cannabisextrakt unter dem Namen Dronabinol hierzulande offiziell zur Therapie von Multipler Sklerose zugelassen.

 



2.     Chronische Schmerzen

Als neuropathische Schmerzen bezeichnen Fachleute Schmerzen, die durch Dysfunktionen oder Verletzungen des Nervensystems entstehen. Sie erscheinen dem Betroffenen meist anfallartig und stark, häufig auch stechend, brennend oder dumpf. Laut Schätzungen sind etwa 6 Prozent der deutschen Bevölkerung davon betroffen.

Cannabinoide konnten in Studien die neuropathischen Schmerzen von MS-Patienten deutlich lindern.[2] Auch bei Schmerzpatienten mit HIV erwies sich das Cannabisrauchen als wirksames Mittel gegen neuropathische Schmerzen: Hier konnten die Beschwerden durchschnittlich um 34 Prozent vermindert werden, während der Effekt in der Placebogruppe nur 17 Prozent betrug.[3]

Kleinere Untersuchungen geben Anhaltspunkte dafür, dass Cannabinoide auch chronische Schmerzen bei Fibromyalgie, Rheuma oder Krebserkrankungen mindern können.

 

3.     Übelkeit bei Chemotherapie

Übelkeit und Erbrechen sind häufige Begleiterscheinungen einer Chemotherapie und schwächen die belasteten Patienten zusätzlich. In der Regel verordnen Ärzte daher sogenannte Antiemetika gegen die Übelkeit. Zahlreiche Studien, die schon in den 1970er bis 1980er Jahren veranlasst wurden, zeigen, dass Cannabis-Inhaltsstoffe vergleichbar oder gar besser wirken als die gebräuchlichen Medikamente wie Phenothiazin oder Metoclopramid.[4] Es wurde ebenfalls beobachtet, dass der Cannabis-Extrakt Dronabinol die Wirkung moderner Antiemetika intensiviert.[5]

Diese Erkenntnisse führen dazu, dass Cannabinoide in der Chemotherapie heutzutage als Reservemedikamente eingesetzt werden, wenn die gängigen Anti-Übelkeitsmedikamente versagen.

 

4.     Appetitlosigkeit bei HIV-Erkrankungen

Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust gehören zu den häufigen Symptomen einer HIV-Infektion. Bislang demonstrierten mehrere Studien, dass Cannabisrauchen und Cannabis-Extrakt hier helfen können. Innerhalb einer 6-Wochen-Studie an 139 Patienten blieb das Körpergewicht derer, die Dronabinol einnahmen, konstant, während die Patienten unter Placebo-Einnahme Gewicht verloren.[6] Darüber hinaus wirkte der Cannabis-Extrakt auch gegen die Appetitlosigkeit und die Gewichtsabnahme von Patienten mit Tumorerkrankungen und Alzheimer.[7]

Ist Cannabis in Deutschland ein verschreibungsfähiges Medikament?

Ja. Im März 2017 wurde Cannabis hierzulande als Medikament legalisiert. Menschen, die unter den Symptomen von Multipler Sklerose oder Übelkeit im Rahmen einer Chemotherapie leiden, können sich vom Arzt Cannabisblüten auf Rezept verordnen lassen. Alternativ sind die Präparate Dronabinol und Nabilon auf dem Markt, die als Wirkstoff THC enthalten. Auch Extrakte mit THC und CBD, wie das Mundspray Sativex, werden verschrieben. Die offiziellen Anwendungsgebiete umfassen die Beschwerden bei Multipler Sklerose, Krebserkrankungen und HIV.

Relativ neu ist das Einzelpräparat Epidiolex, das nur CBD enthält. In den USA wurde es 2018 zur Therapie bestimmter Epilepsie-Formen zugelassen – dieser Schritt wird auch in der EU erwartet.

Menschen, die keine Krankheit haben, die eine Cannabis-Verordnung rechtfertigt, können die Effekte von Cannabinoiden auf ihr Wohlbefinden am besten mit Nahrungsergänzungsmitteln testen. Hier bieten sich CBD Öl, CBD Kapseln oder CBD Spray an, die einen Vollspektrum Extrakt enthalten. Er liefert alle Cannabinoide, Flavonoide und Terpene der Cannabispflanze – mit Ausnahme des psychoaktiven THC.