Cannabis als Medizin – ist medizinischer Hanf wirksam und legal?

Juni 29, 2019

Arzt hält Dose mit medizinischem Cannabis in der Hand

Seit der Legalisierung nutzen Tausende Patienten Cannabis auf Rezept – doch es gibt auch Nebenwirkungen

Viele Betroffene mit chronischen Krankheiten haben es lange ersehnt – seit 2 Jahren ist Cannabis als Medikament auch in Deutschland legal. Welche Perspektiven eröffnen sich dadurch für die Patienten und bei welchen Krankheiten ist die Verschreibung von Cannabis sinnvoll?

Medizinischer Hanf – seit wann ist er hierzulande legal?

Erst im März 2017 wurde Cannabis für die Verwendung als Medikament hierzulande legalisiert. Das bedeutet: Patienten, die eine entsprechende Indikation vorweisen, können sich vom Arzt ein Rezept ausstellen lassen und erhalten Blüten bzw. Cannabis-Extrakt in der Apotheke.

Vor der Legalisierung war es zwar möglich, sich Cannabis als Medikament verordnen zu lassen, allerdings mussten Patienten dafür eine Ausnahmegenehmigung bei der Bundesopiumstelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) beantragen. Diesen komplizierten Weg nahmen nur etwa 1000 Patienten im ganzen Bundesgebiet auf sich.

Nach der Legalisierung erwarten Fachleute einen starken Anstieg der Nachfrage. Erste Statistiken geben ihnen Recht: Zurzeit nutzen etwa 40.000 Personen Cannabispräparate auf Rezept.

Cannabis auf Rezept – was sind die Vorteile?

Patienten, die Cannabis auf Rezept beziehen machen sich nicht strafbar und erhalten Ware mit einem standardisierten Gehalt an Wirkstoffen. Denn der verordnende Arzt setzt bei der Verschreibung neben der Menge auch die Pflanzen-Sorte fest. Abhängig von der Sorte wiederum ist der Anteil an THC und CBD in der Ware vonseiten des Herstellers normiert. Schließlich kann eine Verordnung vom Arzt auch die Kostenbelastung des Patienten senken. Jeweils zu Beginn einer Therapie muss der Betreffende dazu bei seiner Krankenkasse einen Antrag auf Kostenübernahme stellen.

Cannabis als Medizin – bei welchen Krankheiten sind Hanfpräparate wirksam?

Gesetzlich sind die Indikationen, bei denen Cannabis verordnet werden darf, nicht begrenzt. Daher berufen sich Ärzte und Krankenkassen auf aktuelle Studien, auch wenn die Datenlage teilweise lückenhaft ist. Die Ergebnisse unterstützen in erster Linie die folgenden Indikationen: chronische Schmerzen, Muskel-Spastiken, Epilepsie, Erbrechen und Übelkeit im Rahmen einer Chemotherapie und Appetitlosigkeit bei AIDS. Eventuell könnte sich Cannabis auch bei Schlafstörungen, Angststörungen, ADHS und Tourette positiv auswirken. Insbesondere als Schmerzmittel sind die Blüten effektiv und bieten eine nebenwirkungsärmere Alternative zu Opioiden.

Die Krankenkassen empfehlen deshalb eine Verordnung bei:

  • Multipler Sklerose
  • Paraplegie (halbseitiger Lähmung)
  • Epilepsie
  • Chemotherapie
  • HIV und Gewichtsverlust

Keine Basis für eine Cannabis-Verordnung sehen die Kassen hingegen bei

  • Glaukom
  • Darmerkrankungen
  • Depressionen
  • Psychosen
  • Demenz

Die verordnungsfähige Höchstmenge für den Zeitraum von einem Monat liegt aktuell bei 100g getrockneten Blüten bzw. 1000mg Cannabisextrakt. Wem das Hantieren mit Cannabisblüten fremd ist und wer Wert auf eine exakte Dosierung legt, kann sich Medikamente mit THC und CBD verschreiben lassen. Aktuell sind die folgenden Präparate auf dem Markt:

Sativex: Dieses Mundspray wird in erster Linie Betroffenen mit Multipler Sklerose verordnet, um Muskelkrämpfe und Schmerzen zu lindern.

Canemes: Dieses Präparat hilft gegen Übelkeit und Erbrechen im Rahmen einer Chemotherapie. Es wird Krebspatienten verschrieben, die nicht auf andere Behandlungen ansprechen.

Dronabinol: Dieses Medikament regt den Appetit bei AIDS-Patienten an und mindert Übelkeit, die durch eine Chemotherapie ausgelöst wurde. Seit März 2017 steht es allerdings auch für andere Anwendungsgebiete zur Verfügung.

Was muss auf dem Cannabis-Rezept stehen?

Ein gültiges Cannabis-Rezept muss in Deutschland die folgenden Merkmale aufweisen:

  • Datum der Ausstellung: Da es sich um ein Betäubungsmittelrezept handelt, muss der Patient das Rezept innerhalb einer Woche in der Apotheke einlösen.
  • Cannabis-Sorte: Der Sortenname muss vermerkt werden, da er den Inhaltsstoff-Gehalt bestimmt.
  • Dosierung: Vermerkt der Arzt, dass die Dosierung „gemäß schriftlicher Anweisung“ erfolgt, muss die Apotheke dem Patienten die Dosierungsanweisung in Schriftform mitgeben.
  • Arztstempel bzw. -Unterschrift: In Deutschland dürfen Ärzte aller Fachrichtungen mit Ausnahme von Zahn- und Tierärzten Cannabis verordnen.
  • Menge: Diese Angabe dient zur Einhaltung der gesetzlich bestimmten Höchstmenge.

Medizinisches Cannabis: Mögliche Nebenwirkungen

Cannabis ist pharmazeutisch wirksam – bringt allerdings auch mögliche Nebenwirkungen mit, über die Anwender aufgeklärt werden müssen. Zu den häufigsten zählt das bekannte Gefühl, „high“ zu sein. Außerdem können Missstimmungen auftreten, die sich bis zu Angst, Panik oder Depressionensteigern. Auch Halluzinationen und das Gefühl von Kontrollverlust sind nicht selten. Im Allgemeinen fördert Cannabis durch seine psychoaktive Wirkung Denkstörungen und mindert die kognitive Leistungsfähigkeit.

Körperlich äußern sich die Nebenwirkungen häufig in

  • Schwindel
  • Müdigkeit
  • Herzrasen
  • niedrigem Blutdruck
  • trockenen Augen
  • trockenen Mundschleimhäuten
  • Appetitsteigerung
  • Kopfschmerzen
  • Zyklen ohne Eisprung
  • verminderte Spermienbildung

                                

Ein seltenes Risiko: Die Cannabis-Psychose

Für Menschen, die langfristig Cannabis als Medizin einnehmen besteht das Risiko, eine Psychose zu entwickeln. Diese schwere Nebenwirkung betrifft Personen, die eine genetische Disposition für psychische Erkrankungen besitzen. Außerdem kann eine Psychose bzw. eine Schizophrenie durch regelmäßigen Cannabis-Konsum früher ausbrechen. Verantwortlich ist hier in erster Linie der Inhaltsstoff THC.

Gibt es Cannabismedikamente ohne THC?

In Europa gibt es aktuell ausschließlich Medikamente, die THC und CBD enthalten. Bereits im Juni 2018 erteilte jedoch die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) dem CBD-Medikament Epidiolex in den USA eine Zulassung. Zwar stellte der Hersteller GW Pharmaceuticals bereits im selben Jahr den Antrag auf Zulassung in der EU, doch ist unklar, wann mit der Genehmigung zu rechnen ist. Aktuell müssen Nutzer, die CBD ohne THC zu sich nehmen wollen, daher auf Nahrungsergänzungsmittel wie zum Beispiel CBD Öl zurückgreifen.